Das Christentum als Ferment der europäischen Identität

 Indem sich die Völker Europas aus Nord und Süd, aus West und Ost zusammenfinden, um ihre Schicksalsfragen gemeinschaftlich zu beraten und zu entscheiden, drängt sich ihnen notwendigerweise die Frage nach ihren historischen Ursprüngen und kulturellen Grundlagen auf. Das Streben nach einer gemeinsamen Zukunft verweist auf die Erinnerung an eine gemeinsame Herkunft.

 

Die Identitäten der europäischen Nationen, insbesondere auch die der Deutschen, ist in vielfältiger Weise mit der Identität Europas verbunden, sodass man vielleicht sogar sagen kann: die europäische Identität begründet die nationalen Identitäten – und umgekehrt. Dieser Umstand wird uns bewusst, wenn wir über die Bedingungen der historischen und kulturellen Entwicklung Europas und seiner Völker nachdenken.

 

Seit dem Übergang von der Spätantike zum frühen Mittelalter sind alle politischen Vorgänge in Europa aufeinander bezogen. Damals entsteht allmählich jenes komplexe Beziehungssystem zwischen  Stämmen und Völkern, Dynastien und Ständen, Staaten und Reichen, das sich in dauerndem Wandel verfeinert und verdichtet. Es bilden sich Hegemonien und Gleichgewichtssysteme, die in immer wiederkehrenden Kriegen zerfallen, um neuen Bemühungen zur Herstellung von Imperien oder Friedensordnungen  Platz zu machen.

 

Wie man von den Nationen als von Schicksalsgemeinschaften spricht, wird man auch von Europa in seiner Gesamtheit sagen können: die gemeinsame Geschichte während mehrerer Jahrhunderte hat eine zwar differenzierte, jedoch vielfältig miteinander verbundene und aufeinander angewiesene Schicksalsgemeinschaft entstehen lassen. Die Nachbarschaft und die Gemeinsamkeit des individuellen wie des kollektiven Erlebens hat zwischen den Völkern Europas eine besondere Beziehung hergestellt, die bewußt oder unbewußt erfahren wurde, und die gleichwohl identitätsstiftend wirkte. Auch dort, wo das Miteinander zum Gegeneinander wurde, wo Nähe zur Abgrenzung geführt hat, wo die Koexistenz in Konkurrenz und schließlich in Krieg umgeschlagen ist, hat sich die Erfahrung der Gemeinsamkeit den Europäern tief eingeprägt. Selbst die Anlässe der Kriege in diesem wie in früheren Jahrhunderten  ent­sprangen geistesgeschichtlichen Strömungen, die überall in Euro­pa gleichzeitig am Werk waren.

 

Verstärkt wird die gemeinsame historische Erfahrung durch eine beachtliche kulturelle Einheit, für die paradoxerweise immer die Vielfalt konstitutiv geblieben ist. Diese Vielfalt hat eine gemeinsame Wurzel, nämlich die Synthese aus der mediterranen römisch- griechischen Kultur, welche die gesamte Erfahrung der antiken Welt als ein stabilisierendes, die Kontinuität sicherndes Element einbrachte, und andererseits der kontinentalen germanisch-slawischen Kultur, die das dynamische, junge und zukunftsorientierte Element darstellte. Als Katalysator dieser Synthese spielte das Christentum eine ent­scheidende Rolle.

 

Der aus dieser Synthese entstehenden euro­päischen Welt hat es während des Mittelalters am Bewusstsein für ihre Einheit nie gefehlt. Auch in der Neuzeit, selbst in der Neue­sten Zeit ist dieses Bewußtsein trotz schrecklichster kriegeri­scher Auseinandersetzungen, die im Zeichen der nationa­len Differenzierung und des nationalistischen oder ideologischen Antagonismus geführt wurden, nie verlorengegangen.

 

Gewiss gründet dieses Einheitsbewusstsein heute nicht mehr in einer erklärten und erlebten Zugehörigkeit zum Christentum als Religion beziehungsweise zu einer der christlichen Konfessionen. Denn Europa ist nicht mehr das „christliche Europa“, von dem vor hundert Jahren noch selbstverständlich die Rede war, und das vor fünfzig Jahren, nach den Erfahrungen des zweiten Weltkriegs und des Holocaust, vielen Europäern, nicht zuletzt auch den Gründungsvätern der Europäischen Gemeinschaft als Hoffnung und Entwurf vor Augen stand.

 

Das europäische Christentum tritt uns in einer ebenso differenzierten Gestalt entgegen wie Europa selbst. Der Katholizismus, die Orthodoxie, der aus der Reformation hervorgegangene Protestantismus – diese Ausprägungen, die sich wiederum in sehr unterschiedlichen Weisen darstellen, haben einerseits dazu beigetragen, die bunte Vielfalt und den kulturellen Reichtum unseres Kontinents hervorzubringen; andererseits enthält das Nebeneinander der konfessionellen Sensibilitäten und Formen, die allzu lange als antagonistische, sich gegenseitig ausschließende Heilswege verstanden wurden, ein erhebliches Konflikt- und Spaltungspotential.

  

Wenn aber das Christentum in seinen vielen Manifestationen und mit seinen Spannungen, Irrwegen und Spaltungen mitverantwortlich ist für die Teilungen Europas, so ist jedoch auch nicht zu übersehen, in welchem Maße das Christentum selbst von den politischen Mächten immer wieder instrumentalisiert und Opfer der territorialen, hegemonialen oder sozialen Teilungen wurde. In der Geschichte des Christentums spiegelt sich also in einer  komplexen Weise das Schicksal Europas. 

 

Selbst die Aufklärung, durch die in vielerlei Hinsicht die kirchlichen Traditionen und Lehren  in Frage gestellt wurden, konnte sich nur auf dem Boden des Christentums entfalten. Es ist deshalb auch kein Widerspruch, dass das Christentum – mit Ausnahme der Orthodoxie und einiger kleinerer Gemeinden sowohl katholischer wie protestantischer Provenienz – in seiner Verkündigung und insbesondere in seiner Soziallehre die Aufklärung verinnerlichte. Und man wird andererseits wohl auch sagen dürfen, dass selbst der atheistische Humanismus, der aus der Aufklärung hervorgegangen ist, seine christliche Herkunft nicht verleugnen kann, selbst wenn er dezidiert  antiklerikal oder sogar antireligiös orientiert ist.

 

Wenn hier die starke Einflussnahme des Christentums auf die Kultur Europas und seine enge Verflochtenheit mit der Geschichte unseres Kontinents hervorgehoben wird, soll damit allerdings nicht gesagt sein, dass die geistige, kulturelle und soziale Prägung Europas exklusiv durch das Christentum erfolgte. Andere Traditionen, die vom Christentum aufgenommen wurden, und mit denen es sich auseinandersetzen musste, oder die sich in der Auseinandersetzung mit ihm bildeten, hinterließen tiefe Spuren und haben an der Gestaltung Europas und an der ‘Erziehung’ der Europäer maßgeblich mitgewirkt.

 

Das gilt vor allem für das Judentum, aus dem das Christentum hervorgegangen ist. Deshalb ist es auch zutreffend, von einem jüdisch-christlichen Erbe Europas zu sprechen, zumal das Judentum neben dem Christentum in Europa über Jahrhunderte hinweg mit bedeutenden Gemeinschaften präsent geblieben ist; es hat in vielerlei Hinsicht, vor allem durch künstlerische, literarische und wissenschaftliche Beiträge, aber nicht zuletzt auch aufgrund der Leistungen jüdischer Gemeinden und Persönlichkeiten in Wirtschaft, Industrie und Handel dem europäischen Selbstverständnis  einen gültigen Ausdruck verliehen .

 

Auch der Islam, die dritte große religiöse Tradition, die ihren Ursprung im Mittelmeerraum hat, und deren Offenbarung und Lehre sich aus der Bibel, dem Buch der Bücher ableitet, hat die europäische Kultur beeinflusst. Europa verdankt die Vermittlung eines großen Teils der Philosophie und Literatur der griechischen Antike den Gelehrten der islamischen Welt, deren wissenschaftliche Kultur derjenigen des frühen lateinischen Mittelalters weit überlegen war, und deren Impulse für die Synthese zwischen der antiken Rationalität  und  der christlichen Spiritualität wesentlich waren.   

 

Darüber hinaus darf die politische, zivilisatorische und religiöse Herausforderung nicht unterschätzt werden, der sich Europa seitens des Islam und der muslimischen Welt jahrhundertelang ausgesetzt sah: insbesondere auf dem Balkan, der noch im neunzehnten Jahrhundert zu großen Teilen von den türkischen  Osmanen beherrscht wurde, nachdem diese im siebzehnten Jahrhundert bis nach Wien vorgedrungen waren; aber auch in Spanien, wo die arabischen Mauren bis ins fünfzehnte Jahrhundert eine entscheidende und prägende Kraft darstellten, die bis heute nachwirkt.

 

Die Prägung Europas, seiner Nationen und ihrer Kulturen, durch das Christentum ist nach wie vor präsent. Der kulturelle Konsens, der dadurch ermöglicht wird, war eine wesentliche Voraussetzung für den erstaunlichen Erfolg des europäischen Einigungsprojekts während der letzten Jahrzehnte. Dieser Konsens ist nicht etwas Selbstverständliches. Obwohl die Einheit Europas als Grundlage seiner Vielfalt als Erbe vorhanden ist, muss sie in dem, was an der christlichen Botschaft wesentlich ist, ständig neu aufgesucht und aus den verschiedenen historischen Erscheinungsformen des Christentums herausgearbeitet werden. Der kulturelle Konsens der Europäer wird auch für die zukünftige Entwicklung der sich erweiternden Europäischen Union als Bedingung ihres Zusammenhalts unverzichtbar sein.

2 Antworten zu „Das Christentum als Ferment der europäischen Identität“

  1. willyam sagt:

    Ich darf mich kurz vorstellen: willyam mein Pseudonym, unter dem ich als Blogger unterwegs bin; Marco Jansen hat mich auf Ihre Kommentare aufmerksam gemacht. Vermutlich sind Sie sich der Provokationen, die Ihr Artikel bereithält, sehr bewusst. Ein paar Punkte, mehr oder weniger randläufig gestriffen:

    Die grundlegende Problematik Ihrer Position beginnt für mich mit dem Alleingeltungsanspruch, den Sie dem Christentum für die Geschichte Europas einräumen.
    Wenn, wie Sie schreiben, die geistige, kulturelle und soziale Prägung Europas [tatsächlich nicht] exklusiv durch das Christentum erfolgte: Sie entwerfen doch die wunderbare Erzählung einer entstehenden Einheit durch letztendlich christliche Vielfalt, der andere kulturelle Einflüsse nur katalytisch beigewirkt haben.

    Sie widersprechen sich damit selbst: Wenn die Vielfalt Europas ihr einigendes Merkmal ist, müssten Sie auch bereit sein, Europa nicht nur als ideengeschichtliche Idealkonstruktion, sondern beispielsweise auch als realpolitische Sicherheitslösung zu sehen. Denn folgendes ist in Ihrer beschönigenden Formulierung garantiert nicht der Fall: selbst in der Neuesten Zeit ist dieses Bewußtsein trotz schrecklichster kriegerischer Auseinandersetzungen, die im Zeichen der nationalen Differenzierung und des nationalistischen oder ideologischen Antagonismus geführt wurden, nie verlorengegangen.

    Darüber hinaus gälte es meiner Ansicht nach strengstens, „andere“, soll heißen: gern vernachlässigte Spuren europäischer Geschichte Rechnung zu tragen – wie zum Beispiel der Kolonial-, Sozial- und Alltagsgeschichte. Wie hat sie zur Entstehung eines vereinigten Europas, zu unserer Selbstwahrnehmung beigetragen?

    Und abschließend: Selbst die Aufklärung, durch die in vielerlei Hinsicht die kirchlichen Traditionen und Lehren in Frage gestellt wurden, konnte sich nur auf dem Boden des Christentums entfalten. Natürlich: Die Aufklärung ist ein europäisches Phänomen – aber was ist damit gesagt? Dass andere Kulturen (noch) keine Aufklärung erlebt haben? Dass sie unentbehrlich ist? Dass sie, weil europäisch, „gut“ ist? Dass sie (eine gern geglaubte Illusion) abgeschlossen ist?

  2. europakommentar sagt:

    Diese Kritik von willyam geht an dem, was ich schrieb, vorbei. Denn einen Alleinvertretungsanspruch des Christentums habe ich nicht postuliert. Wenn ich von der Prägung Europas durch das Christentum spreche, so ist das eine historische Wahrheit, die nicht ausschließt, dass Europa auch durch andere Einflüsse geprägt wurde. Mit Bedacht spreche ich vom Christentum als einem Ferment, will heißen: ein Element, das eine Gärung eileitet und dadurch eine Entwicklung provoziert.
    Es ist auch kein Widerspruch, wie willyam meint, einerseits in der Vielfalt Europas ein konstitutives Element seiner Einheit zu sehen, und andererseits festzustellen, dass in der Geschichte Europas auch politische Kräfte am Werke waren und gelegentlich zum Zuge gekommen sind, die dieses Prinzip in Frage gestellt haben.
    Dass es interessant und wichtig ist, auch anderen Spuren in der Geschichte Europas nachzugehen, ist evident. Das war aber nicht das Thema meiner Reflexion.

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