Ohne die grundsätzliche Bejahung und aktive Unterstützung der Zivilgesellschaft hätte der europäische Einigungsprozess weder seine Dynamik entfalten noch die Erfolge erzielen können, die dazu geführt haben, dass immer mehr Staaten und Völker des Kontinents der Europäischen Union beigetreten sind und weitere beitreten wollen. Was als Antwort auf den Krieg seit Ende der 40er Jahre in Europa im Rahmen dieser Friedenbewegung passiert ist, war nicht allein als Werk von Staatsmännern und Diplomaten.
Schon der entscheidende Impuls zur Gründung des Europarates (Mai 1949) entsprang einer Initiative engagierter, verantwortlicher Persönlichkeiten aus Politik, Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft und Arbeitswelt. Sie handelten nicht im Auftrag von Regierungen, sondern aus freien Stücken, als sie den Haager Kongress (Mai 1948 ) organisierten und sich, gestützt auf die verschiedensten gesellschaftlichen Gruppen und Vereinigungen damals zur Europäischen Bewegung zusammenfanden.
Der Haager Kongress, dessen 60. Jahrestag die Internationale Europäische Bewegung soeben (am 23./24. Mai) am historischen Ort, in Den Haag, feierlich begangen hat, zeigte den Regierungen der freien Staaten Europas die Richtung. Er regte nicht nur die Gründung des Europarats an, der ersten, fast alle westeuropäischen Länder umfassenden Organisation der Zusammenarbeit, die sich allerdings im Wesentlichen auf die Gebiete der Kultur und des Rechts beschränkte, sondern schaffte auch die psychologischen Voraussetzungen für die Vorbereitung und Gründung der Europäischen Gemeinschaften (seit 1950).
Die Internationale Europäische Bewegung, die aus dem Haager Kongress hervorging, hat seitdem die Europa-Politik der nationalen Regierungen und der supranationalen Institutionen kritisch begleitet und immer wieder fordernd und anregend in die Debatte um den richtigen Weg eingegriffen.
Auch ein anderes Jubiläum, das in diesen Tagen in Brüssel gefeiert wird (am 28. Mai), nämlich der 50. Jahrestag der Gründung des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses, verweist auf die Rolle der Zivilgesellschaft und ihren Beitrag zur Einigung Europas. Diese Institution steht, was die Aufmerksamkeit der Medien betrifft, etwas am Rande des politischen Systems der Europäischen Union, obwohl ihre Funktion für die Konsensbildung und damit für den Erfolg ihrer Politiken und Projekte von großer Bedeutung ist.
Der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss ist die Versammlung der lebendigen gesellschaftlichen Kräfte der Mitgliedsstaaten, will heißen: in ihm kommen die Vertreter der Arbeitgeberverbände, der Gewerkschaften und anderer gesellschaftlich relevanter Organisationen sozialer, kultureller oder karitativer Natur zusammen, um im Zuge des Prozesses der Gesetzgebung die Europäische Kommission, das Europäische Parlament und den Europäischen Ministerrat zu beraten. Dabei wird systematisch und mit großem Verantwortungsbewusstsein der Versuch unternommen, im Interesse des Ganzen die oft auseinander laufenden Interessen und Sichtweisen der einzelnen Komponenten der Zivilgesellschaft in tragfähige Kompromisse zusammen zu führen, um auf dieser Basis den gesetzgebenden Körperschaften Empfehlungen zu unterbreiten.
Der Europäischen Kommission, der es nach den Verträgen zukommt, die Initiative zu ergreifen und die Vorschläge für Gesetze und Richtlinien zu formulieren, greift diese Empfehlungen gerne auf, da sie einigermaßen sicher sein kann, dass ihre Vorschläge, sofern sie diese Empfehlungen berücksichtigen, von den gesellschaftlichen Kräften, insbesondere von den Arbeitgebern und den Arbeitnehmern akzeptiert werden. Und auch das Parlament als Vertretung der Bürger ebenso wie der Ministerrat als Vertretung der Staaten fahren immer gut, wenn sie auf den Beitrag der Zivilgesellschaft zurückgreifen.