Aus der Feder einer jungen französischen Wissenschaftlerin liegt nun eine erste Monografie über die Beziehungen zwischen der Europäischen Union beziehungsweise ihrer Institutionen und den Kirchen oder Religionsgemeinschaften vor: Bérengère Massignon, Des dieux et des fonctionnaires. Religions et laicités face au défi de la construction européenne. Préface de Jean-Paul Willaime (Collection Sciences et Religions, Presses Universitaires de Rennes 2007, 364 p.)
Sie dokumentiert und analysiert die verschiedenen Dimensionen dieses Verhältnisses: die allmähliche gegenseitige Wahrnehmung in der Entwicklung von 1982 bis 2004; die Beschreibung der Akteure auf Seiten der Kirchen und Religionsgemeinschaften einschließlich ihrer sehr unterschiedlichen Vorgehensweisen; die Darstellung der Akteure auf Seiten der europäischen Institutionen einschließlich ihrer Motivationen; die allmähliche Ausbildung eines Instrumentariums zur Pflege der gegenseitigen Beziehungen und ihre informelle Institutionalisierung; die Bedeutung dieses Vorgangs für den europäischen Einigungsprozess.
Darüber hinaus stellt die Autorin die Ergebnisse ihrer Forschung in einen größeren historischen Zusammenhang. Sie diskutiert in überzeugender Weise die mit ihrem Gegenstand verbundene Problematik des in den Ländern Europas unterschiedlichen Verständnisses von Laizität, die Bedeutung der Religion für die Identität der Europäer und die Rolle der Globalisierung für die Rückkehr des „facteur religieux“ in die Politik.
Die Autorin, die politikwissenschaftliche und religionssoziologische Ansätze fruchtbar verbindet, wählt für die Entwicklung der von ihr untersuchten Beziehungen zu Recht das Bild vom Experiment im Laboratorium. Es war unmöglich, bei der Gestaltung dieser Beziehungen nach einem der vielen unterschiedlichen nationalen Modelle zu verfahren. Aber alle diese Modelle standen als Erfahrungen bei der Suche nach einer für die Union angemessenen Form zur Verfügung. Auf dem Versuchswege entstand schließlich, nach und nach, die nicht institutionalisierte Praxis eines regelmäßigen Dialogs, der nach der Ratifizierung des Vertrags von Lissabon zu einem „strukturierten“ Dialog werden soll.
Wenn auch prinzipiell alle Religionsgemeinschaften von den europäischen Institutionen, die neutral bleiben, gleichbehandelt in diesen Dialog einbezogen sind, wird doch auch deutlich, dass die christlichen Kirchen aufgrund ihrer Präsenz und ihrer Interessenlage in alldem eine besondere Rolle spielen. Aufgrund ihrer Transnationalität, ihrer Affinität zum europäischen Einigungsprozess und ihrer hierarchischen Geschlossenheit erscheint dabei die katholische Kirche in einer herausgehobenen Stellung.
Die Studie beruht auf der Auswertung der einschlägigen Akten der Cellule de prospective, dem Think tank der Europäischen Kommission, die seit der Präsidentschaft von Jacques Delors mit der Pflege dieser Beziehungen beauftragt war, und natürlich der einschlägigen Verlautbarungen und Diskussionsbeiträge, sowie natürlich der Literatur. Aber sie kann auch auf zahlreiche Interviews mit Akteuren sowohl aus dem politisch-institutionellen Bereich wie aus dem der Kirchen und Religionsgemeinschaften zurückgreifen.
Die Autorin wählt für die Entwicklung der Beziehungen zu Recht das Bild vom Experiment im Laboratorium. Denn bis zur Verabschiedung des Amsterdamer Vertrags (1996), der in seinem Anhang eine Erklärung enthält, in der zum ersten Mal in einem grundlegenden europäischen Dokument die Kirchen und Religionsgemeinschaften erwähnt und in ihrer Spezifizität anerkannt wurden, war die Union „religionsblind“. Das Vorgehen ihrer Repräsentanten war deshalb unsicher und tastend, zumal das Verhältnis von Kirche und Staat in den Mitgliedsländern jeweils sehr unterschiedlich geregelt ist. Es war unmöglich, eines der vielen nationalen Modelle auf die Union zu übertragen. Aber alle diese Modelle standen als Erfahrungen bei der Suche nach einer für die Union angemessenen Form zur Verfügung. Auf dem Versuchswege entstand schließlich, nach und nach, die nicht formalisierte Praxis eines regelmäßigen Dialogs, der nach der Ratifizierung des Vertrags von Lissabon zu einem strukturierten Dialog werden soll.
Die Bedeutung dieser Veröffentlichung ist nicht zu unterschätzen. Sie bestätigt eindrucksvoll die zunehmende Präsenz und Einflussmöglichkeit der Kirchen und Religionsgemeinschaften auf die Entwicklung der Europäischen Union und die Politik ihrer Institutionen. Andererseits wird auch deutlich, wie die Verdichtung ihres politischen Systems ein zunehmendes Interesse an Deutungen des Sinns des europäischen Unternehmens nach sich zieht, das nicht von der Politik allein befriedigt werden kann. Die Arbeit von Bérengère Massignon ist ein erfreulicher Beleg dafür, dass die Wissenschaft das darin entwickelte Thematik entdeckt hat. Gleichzeitig zeigt sie auf, welche Pisten in weiteren Arbeiten verfolgt werden können.
Verfasst von europakommentar
Verfasst von europakommentar
Verfasst von europakommentar